Menschenrechte in Deutschland, Europa und der Welt

4. Men­schen­rech­te im Zei­chen der Auf­klä­rung

Leviathan_by_Thomas_Hobbes
Denkt man an die geschicht­li­che Ent­wick­lung der Men­schen­rech­te, so fällt als ers­tes Stich­wort die „Auf­klä­rung“. Und das hat durch­aus sei­ne Berech­ti­gung: Die Auf­klä­rung beton­te die Ver­nunft des Men­schen und stellt der reli­gi­ös ver­an­ker­ten Jen­sei­tig­keit des Men­schen nach­drück­lich sei­ne Dies­sei­tig­keit gegen­über.

Und auch die Ver­nunft ver­stand sich für die Prot­ago­nis­ten der Auf­klä­rung nicht als Erkennt­nis gött­li­cher Offen­ba­rung son­dern aus­schließ­lich als mensch­li­ches Ver­mö­gen zur Erkennt­nis. Oder um es mit Imma­nu­el Kant zu for­mu­lie­ren:

Auf­klä­rung ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit. Unmün­dig­keit ist das Unver­mö­gen, sich sei­nes Ver­stan­des ohne Lei­tung eines ande­ren zu bedie­nen. Selbst ver­schul­det ist die­se Unmün­dig­keit, wenn die Ursa­che der­sel­ben nicht am Man­gel des Ver­stan­des, son­dern der Ent­schlie­ßung und des Muthes liegt, sich sei­ner ohne Lei­tung eines ande­ren zu bedie­nen. Sape­re aude! Habe Muth, dich dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen!“

Zum Wesen der Auf­klä­rung zählt

  • die Beru­fung auf die Ver­nunft als uni­ver­sel­le Urteils­in­stanz,
  • der Kampf gegen Vor­ur­tei­le,
  • die Hin­wen­dung zu den Natur­wis­sen­schaf­ten auch in der phi­lo­so­phi­schen Erkennt­nis­theo­rie,
  • das Plä­doy­er für Tole­ranz in Reli­gi­ons­fra­gen
  • sowie moral- und rechts­phi­lo­so­phisch die Ori­en­tie­rung am Natur­recht.

Damit hat­te die Auf­klä­rung auch bedeu­ten­de gesell­schafts­po­li­ti­sche Aus­wir­kun­gen, ziel­te sie doch

  • auf Emam­zi­pa­ti­on unter Zugrun­de­le­gung all­ge­mei­ner Men­schen­rech­te, ver­stan­den als
    • Aus­deh­nung der per­sön­li­chen Hand­lungs­frei­heit,
    • Garan­tie bür­ger­li­cher Rech­te sowie
  • auf die Ver­pflich­tung des Staa­tes auf das Gemein­wohl.

Thomas_HobbesVor­den­ker die­ser Ent­wick­lung ist — neben Per­so­nen wie Bar­tho­lo­mé de Las Casas — ins­be­son­de­re Tho­mas Hob­bes (1588 — 1679). Zwar fin­det sich bei Hob­bes kein unver­äu­ßer­li­ches Men­schen­recht, aber sei­ne Staats­phi­lo­s­phie lie­fert den gedank­li­chen Aus­gangs­punkt für sei­ne Nach­fol­ger. Für Hob­bes hat jeder Mensch im Natur­zu­stand ein Selbst­er­hal­tungs­recht. Gleich­zei­tig sieht er sich jedoch den Unsi­cher­hei­ten und Gefah­ren des Natur­zu­stan­des gegen­über, wes­we­gen er auf die­sen Natur­zu­stand ver­zich­tet und die­ses Recht an einen ihn schüt­zen­den Staat abtritt. Damit, so Hob­bes, ver­leiht der Mensch dem Staat unein­ge­schränk­te Macht und ord­net sein Men­schen­recht dem Staat unter.

Das Men­schen­recht hat damit bei Tho­mas Hob­bes nur eine schwa­che, gegen­über dem Staat unter­ge­ord­ne­te Stel­lung, aber allein schon sein Gedan­ke, dass ein sol­ches Recht über­haupt exis­tiert, beein­fluss­te die Phi­lo­so­phen der Auf­klä­rung. Und auch in der rea­len Poli­tik hat­te die Staats­phi­lo­so­phie von Hob­bes ihre Aus­wir­kun­gen, war es doch die­se Idee, die das eng­li­sche Par­la­ment 1679 dazu beweg­te, dem eng­li­schen König Karl II die Habe­as-Cor­pus-Akte abzu­rin­gen.

 

337px-Pufendorf.kupferAn den Hobbes’schen Natur­zu­stand des Men­schen knüpft in der Fol­ge der Natur­rechts­phi­lo­soph und Völ­ker­recht­ler Samu­el Pufen­dorf (1632 — 1694) an.

Anders als in der bis dahin gän­gi­gen Staats­the­ro­ie will Pufen­dorf das Recht nicht mehr auf gött­li­che Geset­ze zurück­füh­ren. Für ihn grün­det die Staa­ten­bil­dung in der natür­li­chen Gesel­lig­keit und der Bedürf­tig­keit des Men­schen, den Unter­schied zwi­schen Recht und Unrecht zu erken­nen.

Pufen­dorf ver­steht den Natur­zu­stand als einen Zustand, in dem alle Men­schen gleich und frei sind. Und er sieht die Men­schen­wür­de, die „digna­tio“ als Bestand­teil die­ses Natur­zu­stan­des — und for­mu­liert damit ein Grund­recht, das ihn zusam­men mit Tho­mas Hob­bes und John Locke zu einem Vor­den­ker der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung machen soll­te.

In sei­nem Werk „De iure natu­rae et gen­ti­um libri octo“ beschreibt Pufen­dorf die „digna­tio“, die Men­schen­wür­de, so:

Der Mensch ist von höchs­ter Wür­de, weil er eine See­le hat, die aus­ge­zeich­net ist durch das Licht des Ver­stan­des, durch die Fähig­keit, die Din­ge zu beur­tei­len und sich frei zu ent­schei­den, und die sich in vie­len Küns­ten aus­kennt.

John_LockeAber nicht nur Pufen­dorf, auch der Eng­län­der John Locke (1632 — 1704) ent­wi­ckelt in sei­ner poli­ti­schen Phi­lo­so­phie die Idee von Tho­mas Hob­bes wei­ter.

Auch für John Locke ist der Natur­zu­stand des Men­schen Aus­gangs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen. Aber anders als Hob­bes betont John Locke aller­dings mehr den Natur­zu­stand. Dem­ge­gen­über räumt er der ein­ge­gan­ge­nen Bin­dung an den Staat einen gerin­ge­ren Stel­len­wert ein. Schon Hob­bes sah als Grund dafür, dass der Mensch sei­nen Natur­zu­stand ver­las­sen hat und eine Bin­dung an den Staat ein­ge­gan­gen ist, die im Natur­zu­stand bestehen­de Unsi­cher­hei­ten und Gefah­ren. John Locke greift die­sen Gedan­ken wie­der auf und pos­tu­liert hier­aus die Funk­ti­on und Legi­ti­mi­tät des Staa­tes: Der Staat hat hier­nach die Auf­ga­be, die Natur­rech­te des Men­schen, sein Leben, sei­ne Frei­heit und sein Eigen­tum, zu sichern und zu erhal­ten. Erfüllt er die­se Auf­ga­be nicht, so ver­liert er sei­ne Berech­ti­gung.

Dem­ge­mäß sind für John Locke auch die natür­li­chen Rech­te des Men­schen dem Staat über­ge­ord­net und jeder Mensch hat das Recht, sei­ne natür­li­chen Rech­te gegen­über dem Staat ein­zu­for­dern. Der Natur­zu­stand bleibt also in sei­ner nor­ma­ti­ven Funk­ti­on bestehen. In der Kon­se­quenz kön­nen daher auch die Natur­rech­te nicht durch Geset­ze des Staa­tes ein­ge­schränkt wer­den.

Jean_Jacques_Rousseau_1766Wie­der einen Schritt wei­ter geht der Gen­fer Jean-Jac­ques Rous­seau (1712 — 1778). Rous­seau ver­steht die Frei­heit als Grund­la­ge des Mensch­seins. Für ihn sind von Natur aus alle Men­schen frei und gleich. Und dies sol­len sie auch im Staat blei­ben.

Für Rous­seau besteht dabei ein Unter­schied zwi­schen der natür­li­chen Frei­heit und der bür­ger­li­chen und sitt­li­cher Frei­heit: Im Natur­zu­stand ist der Mensch im Besitz sei­ner unbe­grenz­ten natür­li­chen Frei­heit, aber er wird von sei­nen Trie­ben und sei­nem Ego­is­mus beherrscht und ist damit nicht wirk­lich frei.

Wirk­lich frei ist der Mensch für Rous­seau erst, wenn er sich als sitt­li­ches Wesen frei dazu ent­schei­det, sich an selbst gege­be­ne Geset­ze zu hal­ten, wenn er also zuguns­ten der sitt­li­chen Frei­heit bewusst auf die natür­li­che Frei­heit ver­zich­tet und mit die­sem Über­gang von der natür­li­chen zur sitt­li­chen Frei­heit sei­ne Frei­heit im Staat ver­voll­komm­net.

Die­ses Ver­ständ­nis von mit sitt­li­cher Frei­heit aus­ge­stat­te­ten Bür­gern ist für Rous­seau die Basis der Gesetz­ge­bung. Denn Men­schen, die sitt­lich frei sind, hal­ten sich an die selbst­ge­ge­be­nen Geset­ze. So ist für Rous­seau das Men­schen­recht auf Frei­heit die Basis des Staa­tes, ohne die Frei­heit des Men­schen wäre der Staat nicht denk­bar. Aber gleich­zei­tig sind die Men­schen­rech­te in die­ser Vor­stel­lung von Rous­seau gegen­über dem Staat nicht ein­klag­bar.

Für Rous­seau muss im cont­rat soci­al, im Gesell­schafts­ver­trag, eine Gesell­schafts­form gefun­den wer­den, die mit der gesam­ten gemein­sa­men Kraft aller Mit­glie­der die Per­son und die Habe jedes ein­zel­nen Mit­glieds ver­tei­digt und beschützt. Und in der gleich­wohl „der ein­zel­ne Mensch, mit allen ver­bün­det, nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie zuvor.“ Im cont­rat soci­al unter­stellt, so die Vor­stel­lung Rous­se­aus, jeder Mensch gemein­schaft­lich sowohl sei­ne Per­son wie sei­ne gan­ze Kraft (puis­sance) der volon­té géné­ra­le, dem Gemein­wil­len, und emp­fängt im Gegen­zug jedes Glied die­ses Gemein­we­sens als unzer­trenn­li­chen Teil des Gan­zen. Für Rous­seau sind damit aber auch nur sol­che Geset­ze des Staa­tes wirk­sam, die dem volon­té géné­ra­le ent­spre­chen.

Immanuel_KantEinen ande­ren Weg geht hin­ge­gen Imma­nu­el Kant (1724 — 1804) und die von ihm ent­wi­ckel­te Idee des Rechts­staats. Kant lei­tet das Recht nicht aus der Natur des Men­schen ab, son­dern ver­steht Recht als ein von Men­schen kon­sti­tu­ier­tes Ver­nunft­recht, das unab­hän­gig von allen his­to­ri­schen, kul­tu­rel­len, sozia­len und reli­giö­sen Umstän­den gel­ten muss. Die­ses a prio­ri, unein­ge­schränkt und uni­ver­sal für alle Men­schen gel­ten­de Recht ist für Kant die Frei­heit, ver­stan­den als Unab­hän­gig­keit von eines ande­ren nöti­gen­der Will­kür. Damit ist für Kant das Frei­heits­recht das ein­zi­ge  Men­schen­recht, von dem sich alle ande­ren Men­schen­rech­te ein­schließ­lich der all­ge­mei­nen Gleich­heit aller Men­schen in einem Staat und der Selb­stän­dig­keit — ver­stan­den als Par­ti­zi­pa­ti­ons­recht, also als Recht auf akti­ve Mit­wir­kung des Staats­bür­gers bei der Gesetz­ge­bung — ablei­ten las­sen.

Dem­ge­mäß sieht Kant die Legi­ti­ma­ti­on und vor­ran­gi­ge Auf­ga­be des Rechts­staa­tes in der Siche­rung und Erhal­tung die­ses Frei­heits­rechts. Die Wah­rung des Frei­heits­rechts  — und davon abge­lei­tet die Wah­rung der übri­gen Men­schen­rech­te — wer­de damit für Kant zur Legi­ti­ma­ti­on des Staa­tes. Ver­letzt der Staat die Men­schen­rech­te, so tas­tet er damit sei­ne eige­ne Legi­ti­ma­ti­on an.

Die­ses so ver­stan­de­ne Men­schen­recht ist für Kant unteil­bar und bean­sprucht eine uni­ver­sa­le Gel­tung für die Mensch­heit im Gan­zen. Hier­aus fol­gert Kant, dass es auch ein ver­bind­li­ches Völ­ker­recht geben müs­se, dem sich jeder Staat zu unter­wer­fen habe. Kant for­dert damit nicht weni­ger als eine inter­na­tio­na­le (Menschen-)Rechtsgemeinschaft.