Menschenrechte in Deutschland, Europa und der Welt

2. Das Mit­tel­al­ter und die Recep­ti­on des Natur­rechts

Die mit­tel­al­ter­li­che Phi­lo­so­phie war weit­ge­hend geprägt durch eine Recep­ti­on der aris­to­te­li­schen Vor­stel­lun­gen über das Natur­recht.

In der Gesell­schaft des Mit­tel­al­ters war die römi­sche Vor­stel­lung der Gleich­heit aller Bür­ger wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Die staat­li­che Ord­nung des Mit­tel­al­ters war geprägt durch eine hier­ar­chisch struk­tu­rier­te Stän­de­ord­nung mit einem König­tum von Got­tes Gna­den. Die Herr­scher des Mit­tel­al­ters grün­de­ten ihren Herr­schafts­an­spruch in einem von Gott gege­be­nen Recht und bean­spruch­ten hier­aus umfas­sen­de Macht­be­fug­nis­se. Auf der unters­ten Stu­fe die­ser stän­di­schen Gesell­schaft stand das Heer der Leib­ei­ge­nen, das selbst über so gut wie kei­ne Rech­te, ins­be­son­de­re nicht über Frei­heits­rech­te, ver­füg­te.

681px-St-thomas-aquinasDie­sen tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­ses stand das Men­schen­bild des Mit­tel­al­ters gegen­über, das ins­be­son­de­re von Tho­mas von Aquin (˜1225 — 1274) geprägt wur­de und das, auch wenn es oft­mals Dif­fe­ren­zen zu den tat­säch­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen auf­zeig­te, auf die wei­te­re Ent­wick­lung der Idee der Men­schen­rech­te bis heu­te maß­geb­li­chen Ein­fluss neh­men soll­te.

Tho­mas von Aquin — und mit ihm die gesam­te von ihm gepräg­te mit­tel­al­ter­li­che Phi­lo­so­phie der Scho­las­tik — über­nahm die Vor­stel­lun­gen Aris­to­te­les über das Natur­recht. Aber er ging über die anti­ken Vor­stel­lun­gen hin­aus und beleuch­te­te das Ver­hält­nis des ein­zel­nen Men­schen zu sei­ner Got­tes­eben­bild­lich­keit phi­lo­so­phisch. Die­se Got­tes­eben­bild­lich­keit war für Tho­mas von Aquin nicht nur eine Rela­ti­on zwi­schen Gott und Mensch, son­dern mehr: durch die­se Got­tes­eben­bild­lich­keit wird das Geschöpf selbst, wird der Mensch beschrie­ben. Und damit war es für Tho­mas von Aquin auch eine Belei­di­gung Got­tes, wenn der Mensch, das Eben­bild Got­tes, gegen sein eige­nes Wohl oder auch gegen das Wohl ande­rer Men­schen han­delt.

Aber Tho­mas von Aquin geht noch wei­ter und über­trägt die­se Gedan­ken zur mensch­li­chen Natur und Ver­nunft auf das Gemein­we­sen: So wie die mensch­li­che Ver­nunft die gött­li­che Ver­nunft spie­gelt, so soll­te auch die mensch­li­che Gesell­schafts­ord­nung ein Abbild der gött­li­chen sein. Und da die mensch­li­che Ver­nunft die gött­li­che Ord­nung und das gött­li­che Recht erken­nen kön­ne, ent­sprin­ge der Ver­nunft auch das Recht, das in Über­ein­stim­mung mit dem gött­li­chen Wil­len ste­he.